Einfach fliegen wie eine Hummel

Erfolgsgeschichte von Datex-Perfekt

Während viele Callcenter ihre Dienste ins Ausland verlagern oder auf Chatbots setzen, gehen Helmut Schiffner und seine Frau Inge Neubauer den entgegengesetzten Weg: Sie setzen auf echte Menschen – Menschen, die im Landkreis Kronach telefonieren. Wann und wie sie wollen. Diese Freiheit geben sie – und sie halten sie aus.

Auf dem Tisch liegt eine kleine Plüsch-Hummel. Helmut Schiffner schmunzelt. „Die Hummel kann eigentlich gar nicht fliegen – zumindest nicht laut Physik“, sagt er. „Und doch tut sie es.“ Genau das sei das Sinnbild für das, was die beiden mit ihrer Firma aufgebaut haben. Ihre Firma heißt Datex-Perfekt. In den vergangenen 35 Jahren haben rund 5000 Menschen für das Unternehmen Daten erfasst und telefoniert. Heute liegt der Fokus auf Telefonie – insbesondere im Gesundheitswesen, wo sensible Daten und komplexe Themen anfallen. Schritt für Schritt hat sich Datex-Perfekt dorthin entwickelt.

Von der Idee zur Chaostheorie

Schiffner selbst hat Betriebswirtschaft studiert. Einer seiner ersten Jobs nach dem Studium führte ihn in ein Unternehmen, das Briefe und Produktproben verschickte. Dort traf er eine studierte Biologin, die Kartons faltete. „Das ist der einzige Job, den ich mit meinen drei Kindern vereinbaren kann“, erzählte sie ihm. Dieser Satz ließ Schiffner nicht mehr los. „Die Arbeitszeit entscheidet darüber, was man tun kann – nicht die Qualifikation.“

Er fragte sich: Warum nicht eine Firma gründen, in der Menschen arbeiten können, wann und wie es in ihr Leben passt? Das wurde die Grundlage seiner „Chaostheorie“: Wenn Kunden einer Hotline jederzeit anrufen können und Mitarbeiter genau dann arbeiten, wann sie möchten, müsste das doch zusammenpassen. Die Voraussetzung: ein ausreichend großes Anrufvolumen. Also suchte Schiffner gezielt nach passenden Aufträgen.

Der erste große Erfolg

Ein Meilenstein war ein Auftrag des Bundesinnenministeriums: Zehn Millionen Akten mussten digitalisiert werden. Dafür zog der Münchner nach Oberfranken – eine der Bedingungen für den Auftrag. Diese Arbeit war perfekt für seine Idee: Den Akten war es egal, wann sie erfasst wurden. Also konnten die Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten nach ihrem Leben richten – ganz ohne feste Schichtpläne oder Bürozeiten. So begann die
Hummel zu fliegen.

Vom Datenerfassen zum Telefonieren

In den 1990ern kam der nächste Wandel: Telefonie wurde immer wichtiger. Schiffner erinnert sich an die Wendezeit: „Gregor Gysi rief auf dem Alexanderplatz: ‚Ich will, dass jeder ein Telefon hat und sagen kann, was er will.‘ Genau so kam es.“ Die Kunden stöberten in den Katalogen und griffen direkt zum Telefon. Die traditionellen Bestellkarten bleiben liegen. Schiffner übertrug seine „Chaostheorie“ auf den neuen Markt: Könnte das nicht auch ohne starre Bürozeiten funktionieren? Es funktionierte. Wieder hob die Hummel ab.

Here-Shoring statt Off-Shoring

Heute liegt der Schwerpunkt von Datex-Perfekt in der Gesundheitsbranche. In einer Zeit, in der Callcenter nach Indien oder Bulgarien ausgelagert werden und Chatbots immer mehr Anfragen übernehmen, geht Schiffner bewusst einen anderen Weg. Er nennt es „Here-Shoring“. Seine Beobachtung: Je mehr Standardanfragen von Maschinen bearbeitet werden, desto mehr bleiben komplexe Anliegen übrig, bei denen echte Menschen gebraucht werden. Und genau hier setzt Datex-Perfekt an. „Wenn Leute 20 Mal ihr Anliegen erklären mussten und nicht weiterkommen, sind sie frustriert. Wir fangen das ab“, sagt Schiff ner. Studien bestätigen: Ein Telefonat ist oft effizienter als E-Mails. Während eine Mail-Antwort durchschnittlich fünf bis sieben Minuten dauert, kann ein Gespräch am Telefon dasselbe Problem in zwei bis drei Minuten lösen.

Arbeiten, wann und wie man will

Rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter telefonieren heute für Datex-Perfekt. Vom Studenten zur Rentnerin – sie alle haben eines gemeinsam: Sie arbeiten zu den Zeiten, die für sie passen. „Wir lassen zu, dass sich die Leute selbst organisieren“, sagt Inge Neubauer. „Die Freiheit auszuhalten, dass unsere Mitarbeiter auch mal nein sagen können, ist unsere Aufgabe“, ergänzt Schiffner. Diese Philosophie spiegelt sich auch in der Standortwahl wider: Keiner soll mehr als zehn Kilometer zur Arbeit fahren müssen. Deshalb gibt es vier Büros im Landkreis Kronach: Mitwitz, Hain, Gundelsdorf und Steinbach am Wald. Ein weiteres Prinzip: keine festen Arbeitsplätze. Wer kommt, setzt sich an einen freien Rechner. „Wir wollen keine Reise nach Jerusalem spielen“, sagt Neubauer. „Wenn jemand früher kommt, soll er sofort arbeiten können.“

Homeoffice? Nein, danke!

Während der Pandemie arbeiteten nahezu alle von zuhause – doch inzwischen sind sie zurück in den Büros. Denn Homeoffice ist bei Datex-Perfekt kein Thema. „Unsere Mitarbeiter finden es schön, zur Arbeit zu gehen.

Raus von zuhause. Die Zeit dafür suchen sie sich selbst aus“, sagt Schiffner. Der Unternehmer ist auch Musiker. „Ich will doch in einer Band spielen – nicht allein auf der Bühne stehen.“ Genau so sieht er es bei seiner Firma: Gemeinsam arbeiten, aber trotzdem individuell und flexibel.

Wenn die Hummel fliegt…

Seit 35 Jahren beweisen Neubauer und Schiffner mit ihrer Firma: Flexibles Arbeiten und wirtschaftlicher Erfolg schließen sich nicht aus – im Gegenteil. „Zu 80 Prozent können unsere Leute ihre Zeit frei einteilen. Das ist eine riesige Antriebskraft “, sagt Schiffner. Und so fliegt nicht nur eine Hummel – sondern viele. Wann und wie sie wollen.