Grenzerfahrungen: Dieter Wolf

Ein Leben für ukrainische Kinder

Seit fast 30 Jahren hilft Dieter Wolf

Dieter Wolf ist ein Mann, der sich nicht abfindet. Nicht mit dem Leid, das er als Kind selbst erlebt. Nicht mit dem Elend, das er sieht. Und nicht mit der Vorstellung, nichts dagegen zu tun. Seit fast 30 Jahren ist er eine Konstante in der Geschichte der humanitären Hilfe für die Region Tschernobyl in der Ukraine, ein unermüdlicher Helfer, ein Zeitzeuge und eine Stimme für diejenigen, die oft ungehört bleiben: die Kinder und die alten Menschen. Sie leiden besonders unter dem Krieg.

Sein erster bewusster Kontakt mit persönlicher Not und fremdem Elend reicht in seine Kindheit zurück. Seine Eltern gehen vorübergehend aus beruflichen Gründen nach Indien, er besucht dort die Schule, sieht auch viel Elend. Dann stecken ihn seine Eltern in ein Flugzeug. „Sie haben mich in Rheinland-Pfalz bei irgendeiner Familie geparkt“, erinnert er sich, „das war eine grausame Zeit für mich, ich wurde gehänselt, war einsam, bei der Familie ging es mir auch schlecht.“ Das Wiedersehen mit seinen Eltern sei „kalt und frustrierend“ gewesen.

Die Erfahrung prägt ihn und weckt sein Mitgefühl für leidende Kinder. Doch es dauert Jahrzehnte, bis er diesem inneren Antrieb nachgibt. Ein Zufall hilft dabei: 1995 erhält er einen Anruf aus Sonneberg. Eine Verwaltungsmitarbeiterin glaubt, mit einem Andreas Wolf zu sprechen, der sich bereit erklärt hatte, ein Kind aus der Ukraine aufzunehmen. Doch am anderen Ende der Leitung ist Dieter Wolf. Ein Irrtum, der sein Leben verändert. Er sagt zu seiner Frau: „Komm, wir holen ein Kind.“ So kommt ein kleiner Junge vorübergehend in seine Familie. Es ist der Beginn einer tiefen Verbundenheit mit der Ukraine und schließlich der Gründung der Tschernobyl-Kinderhilfe Neustadt bei Coburg.

Damals stehen noch die Folgen der Reaktorkatastrophe von 1986 im Mittelpunkt. Strahlengeschädigte Kinder werden für Erholungsaufenthalte nach Deutschland eingeladen, dürfen für ein paar Wochen wieder Kind sein, lachen, ohne Angst schlafen. Und die Wirkung dieser Aufenthalte ist enorm. „Von den Schuldirektorinnen dort drüben und von den Lehrerinnen wurde uns immer wieder bestätigt, dass die Kinder, die einmal bei uns für die vier Wochen hier waren, sich deutlich unterscheiden von den anderen Kindern, dass sie aufgeschlossener, ordentlicher sind, mehr lernen wollen.“ Doch die Herausforderungen wachsen. Dieter Wolf erkennt, dass es nicht nur um kurze Erholung, sondern um langfristige Unterstützung geht. Und so beginnt der Verein, Hilfstransporte in die Ukraine zu organisieren – mittlerweile sind es 75.

Dann kommt der Krieg. Und die Not der Kinder wird noch größer. Die Luftangriffe, die Zerstörung, die ständige Angst: Dieter Wolf hat ausgerechnet, dass manche Kinder seit dem 24. Februar 2022 zwischen 5000 und 7000 Stunden in Luft schutzkellern verbracht haben. Sie werden nachts oder am frühen Morgen aus dem Schlaf gerissen, hören Explosionen, sehen zerstörte Häuser. „Wenn sie einen Vogel am Himmel sehen, gehen sie in Deckung, weil sie ein denken es ist eine Drohne.“ Offiziellen Zahlen zufolge wurden mindestens 3000 Kinder verletzt oder getötet – die Dunkelziffer ist wohl weit höher. Viele von ihnen sind traumatisiert. Sie haben Schlafstörungen, Angstzustände, Alpträume. Einige denken an Selbstmord. „Es zerreißt mir das Herz“, sagt Dieter Wolf. „Diese Kinder haben nie die Möglichkeit gehabt, eine unbeschwerte Kindheit zu erleben. Sie sind mit Angst aufgewachsen, mit Not und Unsicherheit. Das darf uns nicht egal sein.“

Doch Aufgeben ist für ihn keine Option. Er organisiert weiterhin Hilfsaktionen, schickt Lebensmittel, Medikamente, Kleidung. „Ich habe Fotos bekommen vom einzigen Dorfladen in Fedorivka, also im Tschernobyl-Gebiet: Die Regale, die früher gefüllt waren, sind alle leer. Die Leute mit ein bisschen Geld haben noch nicht mal die Möglichkeit gehabt, etwas zu kaufen. Durch persönliche Beziehungen habe ich dann da drüben über den Großhandel öfter mal den Dorfladen bestücken lassen, dass die Leute wieder was bekommen haben.“

Heute kümmert sich der Verein nicht nur um Kinder, sondern auch um die alten Menschen, die im Krieg oft vergessen werden. Menschen, die schon die Katastrophe von Tschernobyl überlebt haben und jetzt erneut um ihr Leben fürchten müssen. „Wir wissen, was die Leute da drüben brauchen. Wir wissen, was nützlich ist. Viele Sachen, an die ein normaler Mensch hier gar nicht denkt, sind ist für die Leute lebenswichtig und geben Hoffnung und Zuversicht.“

Ende des letzten Jahres schafft e es sogar ein Stromgenerator von der Größe eines Kleinwagens in die Region. Der erste Transport scheitert, das Fahrzeug aus der Ukraine ist zu klein. Doch eine dortige Spedition springt ein, holt den Generator und bringt ihn in den kleinen Ort Fedorivka. „Dieser Generator kann jetzt das ganze Dorf bei Stromausfall mit Strom versorgen. Die Kinder können die Schularbeit machen, die Wasserversorgung ist gesichert, hängt ja alles vom Strom ab.“

Für sein Engagement erhält er zahlreiche Ehrungen, darunter das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. In der Ukraine ehren sie Dieter Wolf mit einem Denkmal. Doch wichtiger als jede Auszeichnung sind ihm die Menschen, denen er helfen kann. „Ich brauche keine Medaillen“, sagt er. „Ich brauche keine Urkunden. Ich brauche das Gefühl, dass ich etwas bewirken kann.“

Die Tschernobyl-Kinderhilfe hat sich über die Jahre verändert, ist mit den Herausforderungen gewachsen. Was bleibt, ist das Ziel: helfen, wo es nötig ist. „Wir müssen die Leute jetzt da drüben motivieren, dass sie nicht völlig den Glauben und die Hoffnung verlieren“: Dieter Wolf ist ein Mann, der nicht wegsieht. Und solange es in der Ukraine Menschen gibt, die ihn brauchen, wird er weitermachen. „Solange ich kann, werde ich tun, was nötig ist“, sagt der 76-jährige, obwohl er schon oft ans Aufhören gedacht hat. „Denn ich weiß, was es bedeutet, wenn man sich vergessen fühlt.“


Tschernobyl-Kinderhilfe

Die Tschernobyl-Kinderhilfe Neustadt bei Coburg verfolgt seit 1996 das Ziel der Hilfe für strahlengeschädigte Kinder aus der Gegend von Tschernobyl in der Ukraine. Hilfe wurde bis zu Corona und zum Kriegsbeginn geleistet in Form von Erholungsaufenthalten in der Region Coburg. Außerdem führt der Verein Hilfsaktionen in der Ukraine durch. Heute werden dabei vor allem alte Menschen sowie bedürft ige Kinder, vor allem Waisenkinder, unterstützt.

Seit Beginn der Tschernobyl-Kinderhilfe gab es 46 Hilfsaktionen in der Ukraine, 75 Hilfstransporte in die Ukraine, 20 Kinderbesuche von Gruppen in Deutschland mit insgesamt 500 Kindern.Der letzte Hilfstransport erfolgte im März 2025. Die nächste große Paket-Aktion findet im Mai dieses Jahres statt.