… Herzog Alfreds Leibkoch

Ein auffälliger Briefumschlag mit dem Wappen des englischen Königshauses. Der Empfänger: Ein Coburger. Das Datum: 18. Juni 1893. Der Anlass: Ein Diner für die Träger des Hosenbandordens in London im August 1893. Welche Geschichte steckt dahinter? Und was hat die Villa am Hang im Hahnweg 18 damit zu tun?

Der Empfänger des Briefes war Eugen Zeruneit, Mundkoch des regierenden Herzogs Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha. Als zweitgeborener Sohn von Queen Victoria und Prinz Albert trat der Adelige im August 1893 eher widerwillig die Amtsgeschäfte in Coburg an. Große Lust hatte er keine, als britischer Prinz in die süddeutsche Provinz zu ziehen, um einem unbedeutenden Herzogtum vorzustehen. Aber sein Onkel Herzog Ernst II. hatte keine legitimen Nachkommen und sein älterer Bruder Albert Edward verzichtete auf dieses Amt und wurde lieber König von England. In diese Zeit also fiel das Bankett in London für die Träger des berühmten Hosenbandordens. Und der Coburger Eugen Zeruneit bekochte wahrscheinlich aus Anlass der Übernahme des Herzogtums die englischen Adeligen auf Einladung seines Dienstherren im August 1893. Ein Abschiedsessen für den neuen Herzog, der nach Deutschland ziehen musste. Dabei war es war üblich, dass der persönliche Koch seinen Vorgesetzten auch auf Dienstreisen begleitete.

Übrig geblieben von dieser kurzen Regentschaft ist bis heute der Herzog-Alfred-Brunnen im Hofgarten und eine bedeutende und exklusive Sammlung antiken und venezianischen Glases, die er nach seinem Tod 1900 der Coburger Bevölkerung vermachte. Sie ist bis heute ein wichtiger Teil der Kunstsammlungen auf der Veste. Vom Leibkoch des Herzogs übrig geblieben ist eine imposante Villa am Hang des Festungsberges mit herrlichem Ausblick ins Coburger Umland bis Schloss Callenberg. Ein Felsenkeller, ein schmuckes Gartenhäuschen mit Jugendstilelementen und ein weitläufiger Garten sprechen dafür, dass Eugen Zeruneit vermögend gewesen sein muss.

Eine bemerkenswerte Steinurne befindet sich in einer Ecke des Gartens in der Nähe der langgezogenen Auffahrt. Sie muss bereits um 1800 entstanden sein. Die romantische Inschrift auf dem Stein „O Natur, du heilige Sprache Gottes. Dich fassen, dich genießen, ist ein stummes Gebet“ passt in die Entstehungszeit zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Der damalige Besitzer mit den in den Stein gehauenen Initialen „LH“ und mutmaßliche Gestalter dieses Gartens suchte die Stille und Erholung im Grünen. Sicherlich fand er sie auch hier am Fuße des Festungsberges. Auf dem ursprünglichen Katasterplan von 1860 lässt sich erkennen, dass dieser Garten Teil eines viel größeren Grundstücks gewesen ist und sehr repräsentativ gestaltet war. Dafür spricht auch diese alte Urne, der Zugang zu einem eigenen, in den Hang getriebenen Felsenkeller hinter der Villa und ein steinerner Brunnenrand vor dem Haus.

Wer es ein bisschen schnuckeliger möchte: An der Kopfstein gepflasterten Auffahrt geht bis heute ein kleiner Weg direkt zu einem historistischen Gartenhäuschen, das sich Blechschmiedemeister Gustav Reinert 1878 errichten ließ. Im Erdgeschoss lediglich die Küche und der Treppenaufgang ins obere Stockwerk. Unter dem Dach zwei Kammern. Ein kleiner Haustraum im Jugendstil auf 40 Quadratmetern. Die Laubsägearbeiten, die verschieferte Front und die originale Jugendstilverglasung sind anscheinend echte Wertarbeit. Sie sind auch nach fast 150 Jahren noch im Original erhalten und möchten endlich aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt werden.